Russland und die Mongolei: Zweite Chance für eine alte Liebe?
Andrej Fedjaschin hat bei RIA Novosti einen Kommentar zum 85. Jahrestag der Unabhängigkeit der Mongolei veröffentlicht. Er beleuchtet knapp und zugespitzt die Entwicklung der russisch-mongolischen Beziehungen im 20. Jahrhundert und Anfang des 21. Jahrhunderts. Fedjaschin schreibt:
Kaum jemand erinnert sich noch daran, dass die Mongolei nach Russland der zweite sozialistische Staat in der Geschichte der Welt wurde.
Am 26. November 2009 wurde die Mongolei 85 Jahre alt: An diesem Tag im Jahr 1924 wurde die Mongolische Volksrepublik gegründet. Dieser Staat ist auf der Landkarte nicht mehr zu sehen: 1992 haben die Mongolen, unter dem Eindruck des Zerfalls der UdSSR die Volksrepublik einfach in Mongolei umbenannt.
Die Mongolei war der Sowjetunion immer ein guter Nachbarstaat, den die Russen sorgfältig pflegten und in den stürmischen 90er Jahren dann einfach im Stich ließen. Im Grunde hat Russland erst jetzt die Notwendigkeit erkannt, in die Mongolei zurückzukehren. Als Beispiele können der Besuch von Premier Wladimir Putin in Ulan Bator im diesem Frühjahr und der von Präsident Dmitri Medwedew im vergangenen August dienen.
Einige Experten sind darüber erfreut. Andere sagen, es sei bereits zu spät, noch etwas zu unternehmen: Es werde schwer fallen, die einstige Liebe der Nachkommen von Dschingis Khan wiederzuerlangen. Die Mongolen hätten sich bereits neu orientiert, und schuld daran seien die Russen selber.
Die Mongolei des 20. Jahrhunderts war die Mongolei der Sowjetunion, beinahe deren Protektorat. Die Sowjetunion kaufte etwa 90 Prozent all dessen, was die Mongolen anbieten konnten: Kupfer, Molybdän, Zink, Kohle, Vieh, Fleisch, Wolle, Häute usw. In diesem Jahr kauft China 79 Prozent all dieser Güter, auf Kanada entfallen 9 Prozent, auf Russland jedoch nur noch 3 Prozent.
Zuerst hatte Russland die Mongolei so sehr für sich eingenommen, dass niemand, auch nicht China, in der Lage war, die Mongolen der Sowjetunion abspenstig zu machen. Sie studierten an russischen Hochschulen und Universitäten, wurden an russischen technischen Fachschulen ausgebildet.
Russen bauten in der Mongolei große Industriekombinate. Das wichtigste davon, das von Erdenet, für die Aufbereitung von Molybdän und Kupfer, leistet bis heute erfolgreich seine Arbeit. Das Kombinat liefert gegenwärtig, obwohl über 40 Jahre alt, bis zu jährlich 400 000 Tonnen erstklassiges Kupferkonzentrat. Russen bauten ihre Armee auf, richteten ihre Grenze zu China ein, bauten Eisenbahnen und Baukombinate, lieferten Autos, Technik und Ausrüstung an die Mongolei.
Selbst die Frau von Zedenbal, ehemaliger Führer der Mongolischen Volksrepublik, Anastassija Filatowa-Zedenbal, war eine Slawin. Vor der Heirat war sie Sekretärin der Komsomol-Organisation im sowjetischen Außenhandelsministerium gewesen.
Heute ist alles anders. China expandiert so energisch in der benachbarten Mongolei, dass die Russen beinahe komplett verdrängt worden sind. Jetzt muss Russland fast schon im Kampf all das zurückgewinnen, was im Frieden gewonnen wurde.
Jetzt sind in der Mongolei in erster Linie chinesische, japanische, südkoreanische, malaysische Konsumgüter und Lebensmittel vorzufinden.
Früher emigrierten Mongolen nicht selten ins benachbarte Kasachstan. Heutzutage lockt sie das benachbarte China. Die meisten Mongolen – fünf Millionen – sind in der chinesischen Inneren Mongolei konzentriert.
Die Mongolen orientieren sich gegenwärtig nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch auf andere Staaten. Sie veranstalten regelmäßig militärische Übungen mit den USA und unterstützen alle US-Initiativen in Irak und Afghanistan. Die Realpolitik der Mongolen ist heute nicht die enge Verbundenheit mit ihrem einst wichtigsten und einzigen Blutspender Sowjetunion, sondern das Walzertanzen mit den USA und der Nato.
Während Italien, Bulgarien, Ungarn, Polen, Lettland und die Ukraine ernsthaft daran denken, ihre Militärkontingente aus Irak abzuziehen, will die Mongolei ihre Truppen sowohl in Irak als auch in Afghanistan aufstocken.
Die heutige Mongolei hat sich bereits soweit entwickelt, dass sie sich 2003 beim britischen Lloyd’s Register of Shipping eintragen ließ. Jetzt ist sie das (nach Kasachstan) zweite Land der Welt, das ohne Zugang zum Ozean eine eigene Flotte hat. Diese bringt ihr einen jährlichen Gewinn von 20 Millionen Dollar.
Präsident Medwedew war vom 25. bis 26. August zu Besuch in Ulan Bator. Der offizielle Anlass war der 70. Jahrestag des Sieges am Chalkin-Gol. Laut dem wichtigsten unterzeichneten Abkommen soll dort auf paritätischer Grundlage ein Joint Venture für die Uranförderung (bis 2000 Tonnen jährlich) gegründet werden. Das gewonnene Uran soll exportiert werden.
Doch mit den reichen Kohlevorkommen in der Mongolei hat es nicht geklappt. Auf die mit den Mongolen gemeinsame Erschließung von Kohlevorkommen, darunter des aussichtsreichsten in Tawan-Tolgoi (schätzungsweise sechs Milliarden Tonnen), erhebt China Anspruch.
Medwedews Besuch hat dazu beigetragen, den Beziehungen zu den Mongolen neues Leben einzuhauchen. Doch es ist erst ein Anfang. Ob dadurch etliche Schranken für russische Unternehmen der Bergbau- und Aufbereitungsindustrie in der Mongolei abgebaut werden können, ist noch unklar.
Die Mongolen haben es nicht eilig, denn sie haben reiche Nachbarn wie die Chinesen und die Japaner. Auch die Amerikaner und die Kanadier klopfen bei ihnen an die Tür.
Ermunternd ist nur ein Umstand. Russland kann in absehbarer Zukunft durch keine tektonischen Verschiebungen von der Mongolei getrennt werden. Folglich werden Russland und die Mongolei auch weiter miteinander mit Rohstoffen und Anderem handeln. Allerdings könnte es nicht mehr allzu fern sein, dass Russen mongolische Waren kaufen müssen, die in chinesischen Betrieben auf mongolischem Boden und mit aus den USA oder aus Japan importierten Anlagen hergestellt wurden.
Quelle: Lesen Sie den kompletten und unbearbeiteten Originalartikel von Andrej Fedjaschin bei RIA Novosti.
Am 13. Dezember 2009 um 23:31 Uhr
[...] Blog Mongolei Reise-Know-How stellt einen gekürzten Artikel von Andrej Fedjaschin zur Verfügung, in dem er sich mit der Entwicklung der russisch-mongolischen Beziehungen im 20. [...]